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Die 10 Postulate der Nachfolgeregelung

(Gastbeitrag von Dr. iur. Marcel Würmli)

 

Die Thematik der Nachfolgeregelung, insbesondere bei familiengeführten KMU, ist ein Dauerthema, da der langfristige Erfolg entscheidend davon abhängt, ob die passenden Nachfolger gefunden werden. Als HeadHunter durfte ich in den vergangenen 10 Jahren einige Nachfolgeregelungen erarbeiten, moderieren und begleiten. Manchmal musste ich Tempo drosseln, manchmal den Prozess beleben, stets jedoch waren die Begleitung und das Sparring mit allen Parteien sowie die Findung individueller Lösungen in einem strukturierten Prozess von höchster Bedeutung. Dabei sind verschiedenste Aspekte zu beachten, die ich nachfolgend versuche, in 10 Postulate zu fassen. An dieser Stelle sei für das Prinzip der Simplifikation um Nachsicht erbeten.

1. Postulat: Anpacken, nicht verdrängen
Unternehmer packen an! Stimmt dies auch bei der eigenen Nachfolge? Oftmals tabuisiert oder verdrängt, verstreichen Jahre, noch up to date und mit viel Kraft und Elan wird der eigene Betrieb weitergeführt, schliesslich kann das Niemand besser als der Patron selbst! Wichtig ist aber zu wissen, wann auf welcher Ebene der Dreifaltigkeit (Eigentümerschaft, Verwaltungsrat, Geschäftsführung) die Nachfolge angepackt werden muss. Die falsche Planung kann fatale, irreparable Folgen nach sich ziehen.


2. Postulat: Qual der (fehlenden) Auswahl
Finde ich eine passende Nachfolgerin, welche alle drei Ebenen abdeckt und müssen überhaupt alle drei Ebenen von einer Person abgedeckt werden oder muss man mich durch drei Personen ersetzen? Sind dies die eigenen Kinder und kann damit die Familientradition weitergeführt werden? Wollen und können sie das überhaupt? Sind langjährige Kadermitarbeiter geeignet oder «tut Frisch-Wind gut»? Soll der Markt gescreent werden nach externen Nachfolgern, Investoren und/oder Verwaltungsräten, damit neben familiären und internen Personen auch externe potentielle Nachfolger geprüft werden können? Wem würde ich «mein Werk» zu welchem Preis verkaufen? Werden damit externe Verwaltungsräte erforderlich? Unzweifelhaft: Unangenehme Fragen! Der Versuchung der Verdrängung gilt es jetzt erst recht zu widerstehen!

 

3. Postulat: Zeit(punkt)
In zeitlicher Hinsicht existieren verschiedene Theorien und Praxismodelle. Aus meiner Sicht muss eine individuelle Lösung gefunden werden, die abhängig ist von Branche, Ausrichtung des Unternehmens, beteiligten Personen, konkreter Ausgangslage des Unternehmens und weiterem. Ich durfte Nachfolgeregelungen begleiten, die 5 Jahre operative Überschneidung dauerten, aber aus bestimmten Gründen so erfolgen mussten! Bei andern erfolgte innert Wochen auf allen drei Ebenen (Eigner, VR, GL) die Stabs- und Schlüsselübergabe mit totaler Ablösung.


4. Postulat: Gebunden oder Verbunden?
Freilich existieren unterschiedliche Formen, wie der Patron mit seinem Unternehmen verbunden bleiben kann (Mehr- oder Minderheitsaktionär, VR(P), Beirat, Ehrenpräsident, etc.). Die zentrale Frage ist: Gebunden oder Verbunden? Last oder Lust? Welche Auswirkungen ergeben sich auf den Nachfolger? Was wird im Aussenbild signalisiert? Wie lange soll welche Rolle gelebt und gespielt werden? Wir erarbeiten gemeinsam mit dem alten und neuen Patron einen individuellen Plan, der massgeblich von der Übereinstimmung der gemeinsamen Vision abhängt.

 

5. Postulat: Übereinstimmende Visionen und Werte
Ob Vision, Mission, Philosophie, Stossrichtung oder wie auch immer die Begrifflichkeiten lauten: Es bedarf einer Grundübereinstimmung mit dem Nachfolger, in welche Richtung mit welchen Werten die Reise fortgesetzt werden soll. Hier wird oftmals von Strategie gesprochen, was aus meiner Sicht falsch ist, denn die Strategie1 ist vom Nachfolger (mit dem oder als VR) zu erarbeiten, festzulegen und entsprechend umzusetzen!


6. Postulat: Finanzielle Aspekte
Wie wird wann der Kauf abgewickelt und wie finanziert? Kann, will das Unternehmen einem Nachfolger Darlehen gewähren für den Kauf? Besteht darin ein doppeltes Risiko? Sollen, müssen Banken involviert werden? Ist gar die Zahlung des Kaufpreises aus der Tasche des Unternehmens sinnvoll? Und zentral: Was ist der richtige, faire Preis!?

 

7. Postulat: Rechtliche Aspekte
«Äs muäss verhebä» sagen wir Unternehmer und meinen damit die rechtliche Sicherheit im Streit. Was muss rechtlich vereinbart werden, welche Klauseln sind für den Verkäufer zentral und knebeln den Käufer nicht? Wo liegt die faire, stimmige Mitte? Wie sieht es mit dem Erbrecht (Pflichtanteile, etc.) aus? Der Beizug eines praktizierenden Rechtsanwalts ist mehr als ratsam.


8. Steuern
In steuerrechtlicher Hinsicht ist höchstes Mass an Sorgfalt geboten: Hier verbergen sich Fallstricke, die ein böses Erwachen für alle drei Parteien (Käufer, Verkäufer und Unternehmen) auslösen können.

 

9. Postulat: Konkrete Übergabe / Überschneidung und Abschieds-Tournee
Schliesslich ist die Nachfolge erbracht und die konkrete Übergabe steht an. Es erscheint mir sinnvoll, dass im Vorfeld Regeln der Überschneidungsphase festgelegt werden. Verantwortung ist unteilbar, Know-How hingegen schon! Bald steht die Abschieds-Tournee an, d.h. der abtretende Patron reist zusammen mit dem neuen Patron zu den wichtigsten Partnern/Stakeholdern zwecks Vorstellungs- und Informationsrunde. Es wäre ungünstig, wenn die wichtigsten Partner aus den Medien oder von der Homepage vom Wechsel erfahren müssten. Somit kann ein wertvolles Netzwerk – und damit langfristig Aufträge – gesichert werden.

 

10. Postulat: Vertrauen
Für einmal umgekehrt: Kontrolle ist gut, aber Vertrauen ist besser! Innerlich vertrauen, glauben, dass es gut kommt, dass nun alles Mögliche für eine Übergabe vorbereitet ist und der neue Patron jederzeit rückfragen darf. Bei einem guten Verhältnis kann auch ausserhalb allfälliger rechtlicher Verbundenheit (Postulat 4) ein (un)regelmässiger Austausch stattfinden, dieser muss aber zwingend unzwingend vonstatten gehen! Loslassen, denn im Wort Entscheidung steckt auch Scheidung!

 


Die Organisation, Koordination und Begleitung des Gesamtprozesses erfordern Fingerspitzengefühl, da für den Unternehmer sein (berufliches) Lebenswerk auf dem Spiel steht und für potentielle Nachfolger ein gewichtiger Entscheid in der Tragweite einer Heirat gefällt wird. Hierin gilt, dass sämtliche Parteien gesucht, gefunden und schliesslich abgeholt werden – unter Wahrung höchster Diskretion. Als Moderator versuche ich die Kultur, ja gar die DNA des Unternehmens zu erfassen und leite daraus ab, welche Persönlichkeiten (Fähig- und Fertigkeiten) als Nachfolger (auf welchen Ebenen) geeignet sind. Dementsprechend gestaltet sich die Suche resp. die Findung. In einem nächsten Schritt werden die Targets resp. Zielpersonen diskret und ohne Nennung der zu verkaufenden Unternehmung von mir angesprochen und eine Interessenbekundung am Kauf resp. der Nachfolge wird eingeholt. Sind diese vorhanden, findet ein persönliches Kennenlernen statt, in dem offen gelegt wird, um welches Unternehmen es sich handelt selbstverständlich unter Wahrung der Diskretion mit Vertraulichkeitserklärungen). Die geeigneten Zielpersonen werden schliesslich dem Verkäufer vorgestellt: Dieses Kennenlernen wird von mir organisiert und inhaltlich begleitet, vom ersten Treffen bis und mit zum konkretem Abschluss der Übergangsphase des Nachfolgers – manchmal darüber hinaus.

 

1 Die Strategie ist der genaue Plan zur Erreichung eines Ziels (unter Einschluss sämtlicher Faktoren, die der Zielerreichung entgegenwirken können).